Ein Brief an dich, liebe KulturTafel

Ein Brief an dich, liebe KulturTafel

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Diesen Brief schickte uns kürzlich einer unserer Gäste. Wir freuen uns unheimlich über diese schönen Zeilen und sind berührt zu lesen, was unsere Arbeit bewirkt – und wie sie während der Corona-Krise in der letzten Zeit vielen Menschen sehr gefehlt hat!


Ein Brief an dich, liebe Kulturtafel:

Was ist eigentlich auf einmal los?
Ich darf niemanden mehr besuchen, ja nicht einmal mehr die Hand geben.
Meine Kontakte beschränken sich auf Telefonate und Emails.
Ich muss zu jedem Menschen Abstand halten, und wenn ich huste oder niese,
werde ich mit bösen Blicken abgestraft.
Wenn ich beim Einsteigen in den Bus nicht sofort den Mundschutz aufsetze,
sieht der Busfahrer mich an, als wenn ich ein Outlaw wäre:
„Django hat keine Mundschutzmaske …“

Anfang März hätte ich nicht gedacht, dass ich mich heute so verhalten muss.
Als an einem Samstagvormittag urplötzlich fast alle Leute mit Lagen von
Klopapier durch die Stadt liefen, wurde mir schlagartig klar, dass ab jetzt alles
irgendwie anders ist …

Du hast mich zuletzt am 21.Januar angerufen, liebe Kulturtafel, und es fühlte
sich so selbstverständlich an.
Mitten im Winter ein Jazzkonzert im CVJM.
Auf dem Schrangen stand noch der Winterwald – die Sterne leuchteten silbern
in der frühen Dämmerung, und es fühlte sich immer noch wie Weihnachten an.
Das Konzert war wie ein nachträgliches Geschenk, und die Künstler sowie die
Gäste waren alle so gut gelaunt, die Atmosphäre zu später Stunde entspannt
und irgendwie noch ganz festlich.
Ich erinnere mich ganz genau an meine letzte Veranstaltung mit dir.
Es war so schön. Ich konnte ja nicht ahnen, dass es vorerst die letzte war …

Wir kennen uns jetzt seit über 2 Jahren, und ich habe regelmäßig ungefähr alle
1 bis 2 Monate einen Anruf von dir bekommen. Dann wusste ich, dass du
wieder eine Überraschung für mich hast, und es war jedes Mal etwas ganz
Besonderes:
eine Vorstellung im Stadttheater, ein Konzert in der MUK, eine Lesung im
Kollosseum, eine Aufführung im Freilichtheater …

Es war jedes Mal etwas Neues und immer ganz toll, und ich durfte sogar eine
Freundin mitnehmen, wenn ich wollte.
Wenn ich mal eine schlechte Phase hatte, wusste ich, dass dein Anruf mit
Sicherheit bald kommen wird, und danach hatte ich wieder gute Laune.

Das vermisse ich jetzt …
Und ich vermisse dich, liebe Kulturtafel.
Es ist so still geworden.

Ich hatte einen Grund, mich auf etwas zu freuen.
Und einen Anlass, mal wieder meine schicken Klamotten rauszuholen und mich
in Schale zu werfen, mit meinem schwarzen Lieblingsglitzershirt und meiner
kleinen perlenbesetzten Handtasche.

Die Vorfreude auf das Event war dabei fast ebenso viel wert wie die Vorstellung
selbst.
Den Abend zu organisieren mit Hin und Zurück, mich eine halbe Stunde, bevor
es losgeht, unter die Leute zu mischen – so ganz entspannt – mich umzusehen,
ob ich noch etwas zu essen oder trinken bekommen kann, dann meinen
Sitzplatz anzusteuern und in der Pause das Klo ausfindig zu machen … das
alles gehörte auch dazu.

Es war immer etwas ganz Besonderes.

Manchmal war ich an Plätzen, an denen ich noch nie vorher gewesen war – und
das als alteingesessene Lübeckerin – wie z. B. in der Sommeroperette beim
Johanneum.
Manchmal traf ich dabei auch Menschen wieder, die ich lange nicht mehr
gesehen hatte.
Bei einem Konzert von Sir András Schiff in der MUK 2019 lief mir ganz
überraschend eine gute Bekannte über den Weg. Ich hatte sie zuletzt vor
einem Jahr getroffen, wo sie mir erzählte, dass sie durch die Umstände des
Todes ihrer Schwester einen Mann kennengelernt hatte, – ihren jetzigen Mann.
Ich kannte die ganze Geschichte, und jetzt traf ich die beiden auf dem Konzert
– was für ein Zufall !
Sie sah sehr hübsch und glücklich aus in ihrem roten Kostüm und den roten
Schuhen.
Ich muss erwähnen, dass sie über 70 Jahre alt ist.
Es hat mich sehr bewegt, sie dort mit ihrem Mann zu treffen …

Und überhaupt die ganzen Erlebnisse, die sich bei den Events ergeben haben …
Beim Konzert von Joja Wendt saß eine Frau rechts neben mir, die spätestens
ab der 2. Hälfte nicht mehr aufhörte zu lachen. Alle in ihrem Umkreis setzten
sich im Laufe des Abends woanders hin – nur ich nicht. Ich sah es einfach nicht
ein, mich umsetzen, denn ich hatte die Karte doch von dir geschenkt
bekommen, liebe Kulturtafel !
Also hielt ich mir den Rest des Abends das rechte Ohr zu.
Joja Wendt war es wert.

Oder bei einer Vorführung der Lübecker Sommeroperette.
Ich war rechtzeitig da und hatte einen guten Sitzplatz. Kurz bevor es losging
kämpfte sich eine rundliche Frau in einem pinkfarbenen Kostüm durch die
Stuhlreihen – meine Reihe natürlich – und als sie an mir vorbei wollte (ich zog
die Füße ein und hielt sicherhaltshalber die Luft an) – verhakte sie sich
trotzdem irgendwie an meinem Fuß, verlor das Gleichgewicht und fiel mit ihrer
ganzen geballten pinkfarbenen Pracht direkt auf mich rauf.
Die Holzstühle waren zum Glück stabil genug …

Oder die Lesung der „Weihnachtsgeschichte“ von Charles Dickens genau einen
Tag vor Weihnachten im Jahr 2018 – ganz hervorragend vorgelesen von
Manfred Upnmoor.
In der Pause gab es Weihnachtskekse, und die Tische waren geschmückt mit
kleinem glitzernden Weihnachtsdekor.
Als ich nach Hause ging, war der Geist der diesjährigen Weihnacht irgendwie
anwesend – ganz lebendig – ich konnte ihn spüren.
Es war das Gefühl einer heiteren Friedlichkeit und … Reichtum … ja genau!

Jetzt, Anfang dieses Sommers 2020, denke ich auf einmal darüber nach.
Ich frage mich, wie sich der Geist der kommenden Weihnacht wohl anfühlen
wird.

Du, meine liebe Kulturtafel, hast es aber geschafft, dass sich meine Erinnerung
an die vergangene Zeit in etwas Besonderes verwandelt hat – irgendwie
glitzernd …
Werde ich das wieder erleben?
Die Vorfreude, die Heiterkeit, die Festlichkeit, die vielen Menschen, mit denen
ich gemeinsam etwas Schönes erleben kann, die Künstler, die ich bestaunen
und bewundern darf …

Ich habe mir neulich 3 Paar Söckchen in verschiedenen Farben gekauft, die alle
eine Glitzerkante haben.
Besser als gar nichts, denke ich bei mir.
Ich trage sie jetzt abends beim Fernsehen.
Aber mein Sitzplatz hat keine Nummer, es herrscht kein Gedrängel, niemand
tritt mir auf die Füße, der Bildschirm ist flach, der Ton eigentlich auch, und den
Weg zum Klo kenne ich schon.
Langweilig.

Irgendwie kommt kein Glitzergefühl auf …
Das schaffst nur du, liebe Kulturtafel.

Ende Mai klingelte auf einmal mein Handy, und du warst wieder da, ganz
überraschend, und hast mir angeboten, ein „Türschwellenkonzert“ zu
bekommen. – Wow! Eine tolle Idee !
Nicht ich gehe zur Kultur, sondern die Kultur kommt direkt zu mir nach Hause.
Ich staune, wie erfinderisch du bist!
Und ich hatte endlich wieder das Gefühl, dass es mit uns beiden weiter geht …

Ruf´ mich doch mal wieder an.
Deine F.